Deutscher Gewerkschaftsbund

11.08.2015

Arbeitszufriedenheit auch bei schlechten Arbeitsbedingungen?

Stellungnahme zum DIW Wochenbericht 32+33 "Arbeitszufriedenheit"

 

In einer aktuellen Studie kommt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) zu dem Ergebnis, dass der überwiegende Teil der Erwerbstätigen in Deutschland mit seiner Arbeit zufrieden ist. Dabei stützt das DIW sich auf die Ergebnisse des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP), einer regelmäßig durchgeführten Bevölkerungsbefragung. Dort wird die Arbeitszufriedenheit mit einer einzelnen Frage erfasst: Erwerbstätige sollen die Zufriedenheit mit ihrer Arbeit auf einer Skala von null (sehr unzufrieden) bis 10 (sehr zufrieden einordnen). Der Mittelwert aller Antworten auf diese Frage liegt für das Jahr 2013 bei 7 Punkten.

 

Kaum Zusammenhänge mit den Arbeitsbedingungen

In der Debatte um die Qualität von Arbeit werden die relativ hohen Zufriedenheitswerte immer wieder auch als Beleg für gute Arbeitsbedingungen herangezogen. Die DIW-Studie zeigt nun, dass diese sogenannte Arbeitszufriedenheit kaum einen Zusammenhang zu den konkreten Arbeitsbedingungen aufweist. So ist es für das Ergebnis z.B. unerheblich, ob Beschäftigte nachts arbeiten oder nicht. Die gesundheitsgefährdende Belastung der Nachtarbeit fließt in die Beurteilung nicht ein. Auch die Einkommenshöhe spielt nach den Ergebnissen des DIW nur eine untergeordnete Rolle für die Zufriedenheit. Lediglich in der Leiharbeit und bei registrierten Arbeitslose, die einer bezahlten Tätigkeit nachgehen, finden sich geringere Zufriedenheitswerte.

Während die Arbeitsbedingungen kaum einen Einfluss haben, wirken sich persönliche Merkmale stärker auf die Arbeitszufriedenheit aus. Charakterliche Eigenschaften, wie eine optimistische Grundhaltung oder häufige Glücksgefühle führen zu größerer Zufriedenheit. Darin steckt allerdings eher eine Aussage über die psychische Disposition der Befragten als über die Arbeit selbst.

 

Was misst Arbeitszufriedenheit?

Dies wirft die Frage auf, was eigentlich gemessen wird, wenn Erwerbstätige nach ihrer Arbeitszufriedenheit gefragt werden. Das DIW selbst benennt einige Punkte, die Zweifel an der Aussagekraft der Befunde wecken. So z.B. den Hinweis, dass es „bis heute keine allgemein anerkannte Definition dessen [gibt], was Arbeitszufriedenheit überhaupt ist“. Oder den Verweis auf die verbreitete Neigung, sich mit den Gegebenheiten des Arbeitslebens zu arrangieren, weil es keine realistischen Alternativen dazu gibt. Dies kann dazu führen, dass Befragte sich als zufrieden bezeichnen, obwohl die Arbeitsbedingungen nicht ihren eigentlichen Ansprüchen entsprechen. Die Arbeitsforscherin Agnes Bruggemann hat dieses Phänomen als „resignative Zufriedenheit“ bezeichnet.

Die simple Frage nach der Zufriedenheit ist daher „kein brauchbares Kriterium für die Bewertung von Arbeitstätigkeiten“ (so der Arbeitspsychologe Eberhard Ulich). Möchte man tatsächlich etwas über die Qualität der Arbeit erfahren, braucht es differenziertere Instrumente, die die Bewertung der konkreten Bedingungen durch die Beschäftigten einschließt. Dafür gibt es eine Reihe von Beispielen: Auf europäischer Ebene den European Working Conditions Survey (EWCS), in Deutschland z.B. die Erwerbstätigenbefragung von BIBB/BAuA und den DGB-Index Gute Arbeit. In diesen Befragungen werden die Beschäftigten detailliert danach gefragt, wie sie die verschiedenen Dimensionen ihrer Arbeitssituation einschätzen. Dabei spielt die Ressourcenausstattung (z.B. Weiterbildung, Gestaltungsmöglichkeiten, Wertschätzung) ebenso eine Rolle wie körperliche und psychische Belastungen. Auf dieser Grundlage konnte in den vergangenen Jahren unter anderem der Anstieg und das hohe Niveau arbeitsbedingter psychischer Belastung aufgezeigt werden. Solche Informationen liefern konkrete Hinweise auf den Handlungs- und Gestaltungsbedarf im Sinne menschengerechter Arbeitsbedingungen. Der Verweis auf eine diffuse Arbeitszufriedenheit verschleiert hier mehr, als dass er zur Aufklärung beiträgt.

Literaturverweise:

Brenke, Karl (2015): Die große Mehrzahl der Beschäftigten in Deutschland ist mit ihrer Arbeit zufrieden. In: DIW-Wochenbericht 32+33/2015, S. 715-722.

Schmucker, Rolf (2013): Kritisches zu einer aktuellen Debatte: Arbeitszufriedenheit als Indikator für Arbeitsqualität? In: Gute Arbeit, 11/2013, S. 10-13.


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